elhaa
05.06.2003, 11:48
Vorbemerkung: Ich weiß, jetzt werden wieder Beschwerden laut werden wie "was soll das pseudointellektuelle, linke Gequatsche hier", aber ich finde, in ein Forum zum Studium ist ein bißchen Reflexion über das Studium allgemein (und nicht nur, wie man das Gegebene am besten bewältigt) auch nicht schlecht! Außerdem kann ich jene, die meine Texte nicht mögen und als störend empfinden, auf den 20. Juni vertrösten, weil ab dort ja ein anonymes Auftreten unmöglich gemacht und Elhaa deshalb nicht mehr vorhanden sein wird!
...geschrieben anlässlich der Podiumsdiskussion "Internationale Karrierewege - Was erwarten Unternehmen, was kann die UniVERsität leisten" an meiner Fakultät an den moderierenden Professor:
Betreff: Noch ein Beitrag (Nachtrag) zur Podiumsdiskussion
Leider war ich zu schüchtern, meine Meinung vor dem Publikum zu präsentieren, wäre auch vielleicht zu ausführlich gewesen...
"Bildung in der künstlichen Welt der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation besteht heute in der geistigen Überwindung von Wissenschaft: Wer Wissenschaft und Technik zu steuern vermag, ist gebildet, nicht wer sich ihren Zwängen unterwirft." Helmut Schelsky; gehört in einem Vortrag des Kulturantropologen Prof. Steger
Ich finde, Bildung hat die Aufgabe, die "Praxis" kritisch zu hinterfragen, Alternativen aufzuzeigen, die Kreativität zur Mit- oder Umgestaltung zu fördern! Entgegen der durchgängigen Aussagen in der Podiumsdiskussion von letztem Donnerstag ("Internationale Karrierewege - Was erwarten Unternehmen, was kann die UniVERsität leisten"), die (AUS)Bildung sollte vor allem die ANPASSUNGsfähigkeit (an die bestehenden Zustände) fördern/gewährleisten!? Zum Thema (übermäßige) Anpassung (und deren negativen Folgen) kann ich Ihnen nur das Buch "Der Wahnsinn der Normalität" von Arno Gruen (siehe http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423350024/diedenker-21) nahelegen.
Zum "Mobilitätswahn" möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob diese (unfreiwillige, aufgezwängte) "Erfordernis" denn nicht primär eine Eigenart der (folglich sehr extravertierten) US-Amerikaner ist und weshalb diese allen anderen Völkern aufgedrängt werden soll? Man lese als Gegenmeinung zu dieser Einstellung z.B. den kleinen Prinz von Saint-Exupery (über das Schöne und Wichtige an "Heimat"). Für mich war es als Kind eine Horrorvorstellung, umziehen und damit meine Freunde und Freundin verlassen zu müssen.
Die darwinistische Sichtweise der Arbeitswelt des Herren von der Wirtschaftskammer schien mir auch zu ideologisch und laut einem Biologiestudenten stimmt es auch nicht, dass sich die Spezialisierten Arten (umlegbar auf AUS-Gebildete?) durchsetzen, vielmehr würden die Generalisten die besseren Überlebenschancen haben aufgrund deren Anpassungsfähigkeit an geänderte Situationen (der wirtschaftliche "Flexibilitätsgedanke" ist mir zu sehr begrenzt auf die Fähigkeit, sich arbeitstechnisch dienstbar zu machen und zu unsensibel in Bezug auf menschliche Bedürfnisse). Außerdem zählt es, meiner Ansicht nach, zu den den Menschen auszeichnenden und von den Tieren unterscheidenden Eigenschaften, dass er die Natur dank seiner Intelligenz SEINEN BEDÜRFNISSEN ENTSPRECHEND und damit im Sinne der Menschlichkeit vielseitig, kreativ und nicht nur einer Ideologie entsprechend NUTZEN kann und sich nicht nur passiv den Naturgesetzen und folglich (?) der Evolution unterwerfen MUSS (und diese NUR FÜR SICH SELBST bestmöglich AUSzunutzen*). * Diese Sichtweise erscheint mir sehr ideologisch (das "perfekte System" und die perfekte Anpassung daran, um sich selber besser zu stellen, im Sinne der Evolution...) und auch einer Glaubensvorstellung sehr ähnlich: wenn ich mich den Gesetzen der Evolution unterwerfe (=wenn ich mich den Gesetzen MEINES Gottes unterwerfe), dann werde ich glücklich sein...
Abschließend noch ein Gedanke zum Thema Studiendauer als Qualitätskriterium eines Absolventen: warum sollen immer nur (mit Zeugnis oder sonstiger Bestätigung) "belegte" Nebenbeschäftigungen zählen? Zählen denn eigene Interessen, der kreative Umgang mit der frei zur Verfügung stehenden (und nicht im Sinne von Fremdinteressen genutzten) Zeit, nichts in Bezug auf menschliche Qualitäten? Oder sind menschliche Qualitäten in der Wirtschaft nicht gern gesehen und schlecht verwertbar? Ich finde es vielmehr unsympathisch, zu versuchen, sich über "Belege" gegenüber anderen besser zu stellen. Denn wenn ein Praktikum, ein zusätzliches Seminar o.ä. für die eigene Persönlichkeit nützlich war, dann hat es seinen Eigennutz bereits erfüllt, auch ohne es jemandem zu präsentieren. Wenn jedoch eine Zusatzleistung für andere vollbracht wird, so scheint mir das zu wenig aus einem inneren Antrieb heraus (den eigenen Bedürfnissen entsprechend) zu geschehen und ist mir deshalb zu konformistisch und zu fälschlich "altruistisch". In Sachen Anpassung (und Unterwerfung unter fremde Normen) möchte ich Sie nochmals auf das oben erwähnte Buch von Arno Gruen verweisen. Deshalb sollten außerordentliche (Zusatz-)Leistungen beim Studienerfolg am besten gar nicht anerkannt (ausgewiesen) werden, um solches (antisolidarisches) Verhalten gar nicht erst zu fördern. Ist es wichtiger, über Lehrinhalte zu reflektieren und diese kritisch zu hinterfragen, oder stattdessen mehr Zeit zum "Büffeln" für GUTE NOTEN und eine möglichst schnelle, EFFIZIENTE Beendigung des Studiums zur Verfügung zu haben? Was ist mit "empirischer", unbeeinflusster Lebenserfahrung? Es gibt auch Gehirnaktivitäten abseits des konformen (Auswendig-)Lernens (siehe z.B. die Eigeninitiative von mir und 2 Freuden: Die Denker - http://www.diedenker.org)! Meine Meinung ist, dass in einer multiplen Gesellschaft (mit der Nebenwirkung der Informationsüberflutung), die Verpflichtungen möglichst gering gehalten werden müssen bzw. alle "Notwendigkeiten" mit möglichst geringem Aufwand erledigt werden sollten, weil einen die sonstige geistige und handlungsmäßige Freiheit bzw. der (kreative) Umgang damit - zum eigenen Wohle und dem Wohle aller - schon genug in Anspruch nimmt.
Außerdem darf ich Sie einladen, meinen (emotionalen) Text "Wirtschaftkritik pro persönlicher (speziell geistiger) Distanzierung" zu lesen (negativer Eindruck eines Studenten vom Wirtschaftssystem): siehe http://www.diedenker.org/data/kapitalismus/kapitalismus-meinungen-ob.html#wi rtschaftskritikokt02
Die Denker haben übrigens auch eine Seite zum Thema (Aus)Bildung gestaltet: siehe http://www.diedenker.org/data/bildung1.html (Alle Themen zu finden unter http://www.diedenker.org/gesammeltes)
(Etwaige "Durcheinanderheiten" im Text resultieren aus dem sukzessiven Anfügen von neuen Ideen)
Über eine kurze Stellungnahme oder zumindest Empfangsbestätigung würde ich mich freuen!
Bitte entschuldigen Sie mein anonymes Auftreten, aber ich möchte (in meiner realen Erscheinung) nicht (nur) mit unserem Internetprojekt assoziiert werden!
PS: Leider habe ich keine Emailadresse des Herren von der Wirtschaftskammer zur Verfügung. Falls Sie eine haben und Sie meine Überlegungen nicht völlig absurd und unangebracht finden, wäre es nett, wenn Sie mein Mail weiterleiten würden. Danke!
Antwort des Professors:
Schade, daß Sie nicht haben mitdiskutieren können. Übrigens: gerade die Amerikaner sind nach allen unseren Erfahrungen am wenisgsten international orientiert und mobil (allenfalls innerhalb der USA). Gruß KS
Meine (abschließende) Antwort darauf:
Ich weiß zwar nicht, ob Sie das "Schade, daß Sie nicht haben mitdiskutieren können" ernst oder ironisch gemeint haben, nichtsdestotrotz habe ich mich über Ihre Antwort gefreut. Wenn auch kurz, so freut es mich, überhaupt eine Antwort erhalten zu haben, und meinen Text haben Sie scheinbar auch nicht übergangen: danke für die Erkenntnis mit den US-Amerikanern. Ist mir neu, dass sie nicht mobil und international sind - obwohl ich (spätestens seit 9/11) weiß, dass sie recht nationalistisch eingestellt sind und eigentlich hab ich auch an die Mobilität innerhalb der USA gedacht (die Fläche ist ja auch schon groß genug, um nicht überall von "Heimat" sprechen zu können), die man so aus den Filmen kennt... Schöne Grüße
...geschrieben anlässlich der Podiumsdiskussion "Internationale Karrierewege - Was erwarten Unternehmen, was kann die UniVERsität leisten" an meiner Fakultät an den moderierenden Professor:
Betreff: Noch ein Beitrag (Nachtrag) zur Podiumsdiskussion
Leider war ich zu schüchtern, meine Meinung vor dem Publikum zu präsentieren, wäre auch vielleicht zu ausführlich gewesen...
"Bildung in der künstlichen Welt der technisch-wissenschaftlichen Zivilisation besteht heute in der geistigen Überwindung von Wissenschaft: Wer Wissenschaft und Technik zu steuern vermag, ist gebildet, nicht wer sich ihren Zwängen unterwirft." Helmut Schelsky; gehört in einem Vortrag des Kulturantropologen Prof. Steger
Ich finde, Bildung hat die Aufgabe, die "Praxis" kritisch zu hinterfragen, Alternativen aufzuzeigen, die Kreativität zur Mit- oder Umgestaltung zu fördern! Entgegen der durchgängigen Aussagen in der Podiumsdiskussion von letztem Donnerstag ("Internationale Karrierewege - Was erwarten Unternehmen, was kann die UniVERsität leisten"), die (AUS)Bildung sollte vor allem die ANPASSUNGsfähigkeit (an die bestehenden Zustände) fördern/gewährleisten!? Zum Thema (übermäßige) Anpassung (und deren negativen Folgen) kann ich Ihnen nur das Buch "Der Wahnsinn der Normalität" von Arno Gruen (siehe http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423350024/diedenker-21) nahelegen.
Zum "Mobilitätswahn" möchte ich die Frage in den Raum stellen, ob diese (unfreiwillige, aufgezwängte) "Erfordernis" denn nicht primär eine Eigenart der (folglich sehr extravertierten) US-Amerikaner ist und weshalb diese allen anderen Völkern aufgedrängt werden soll? Man lese als Gegenmeinung zu dieser Einstellung z.B. den kleinen Prinz von Saint-Exupery (über das Schöne und Wichtige an "Heimat"). Für mich war es als Kind eine Horrorvorstellung, umziehen und damit meine Freunde und Freundin verlassen zu müssen.
Die darwinistische Sichtweise der Arbeitswelt des Herren von der Wirtschaftskammer schien mir auch zu ideologisch und laut einem Biologiestudenten stimmt es auch nicht, dass sich die Spezialisierten Arten (umlegbar auf AUS-Gebildete?) durchsetzen, vielmehr würden die Generalisten die besseren Überlebenschancen haben aufgrund deren Anpassungsfähigkeit an geänderte Situationen (der wirtschaftliche "Flexibilitätsgedanke" ist mir zu sehr begrenzt auf die Fähigkeit, sich arbeitstechnisch dienstbar zu machen und zu unsensibel in Bezug auf menschliche Bedürfnisse). Außerdem zählt es, meiner Ansicht nach, zu den den Menschen auszeichnenden und von den Tieren unterscheidenden Eigenschaften, dass er die Natur dank seiner Intelligenz SEINEN BEDÜRFNISSEN ENTSPRECHEND und damit im Sinne der Menschlichkeit vielseitig, kreativ und nicht nur einer Ideologie entsprechend NUTZEN kann und sich nicht nur passiv den Naturgesetzen und folglich (?) der Evolution unterwerfen MUSS (und diese NUR FÜR SICH SELBST bestmöglich AUSzunutzen*). * Diese Sichtweise erscheint mir sehr ideologisch (das "perfekte System" und die perfekte Anpassung daran, um sich selber besser zu stellen, im Sinne der Evolution...) und auch einer Glaubensvorstellung sehr ähnlich: wenn ich mich den Gesetzen der Evolution unterwerfe (=wenn ich mich den Gesetzen MEINES Gottes unterwerfe), dann werde ich glücklich sein...
Abschließend noch ein Gedanke zum Thema Studiendauer als Qualitätskriterium eines Absolventen: warum sollen immer nur (mit Zeugnis oder sonstiger Bestätigung) "belegte" Nebenbeschäftigungen zählen? Zählen denn eigene Interessen, der kreative Umgang mit der frei zur Verfügung stehenden (und nicht im Sinne von Fremdinteressen genutzten) Zeit, nichts in Bezug auf menschliche Qualitäten? Oder sind menschliche Qualitäten in der Wirtschaft nicht gern gesehen und schlecht verwertbar? Ich finde es vielmehr unsympathisch, zu versuchen, sich über "Belege" gegenüber anderen besser zu stellen. Denn wenn ein Praktikum, ein zusätzliches Seminar o.ä. für die eigene Persönlichkeit nützlich war, dann hat es seinen Eigennutz bereits erfüllt, auch ohne es jemandem zu präsentieren. Wenn jedoch eine Zusatzleistung für andere vollbracht wird, so scheint mir das zu wenig aus einem inneren Antrieb heraus (den eigenen Bedürfnissen entsprechend) zu geschehen und ist mir deshalb zu konformistisch und zu fälschlich "altruistisch". In Sachen Anpassung (und Unterwerfung unter fremde Normen) möchte ich Sie nochmals auf das oben erwähnte Buch von Arno Gruen verweisen. Deshalb sollten außerordentliche (Zusatz-)Leistungen beim Studienerfolg am besten gar nicht anerkannt (ausgewiesen) werden, um solches (antisolidarisches) Verhalten gar nicht erst zu fördern. Ist es wichtiger, über Lehrinhalte zu reflektieren und diese kritisch zu hinterfragen, oder stattdessen mehr Zeit zum "Büffeln" für GUTE NOTEN und eine möglichst schnelle, EFFIZIENTE Beendigung des Studiums zur Verfügung zu haben? Was ist mit "empirischer", unbeeinflusster Lebenserfahrung? Es gibt auch Gehirnaktivitäten abseits des konformen (Auswendig-)Lernens (siehe z.B. die Eigeninitiative von mir und 2 Freuden: Die Denker - http://www.diedenker.org)! Meine Meinung ist, dass in einer multiplen Gesellschaft (mit der Nebenwirkung der Informationsüberflutung), die Verpflichtungen möglichst gering gehalten werden müssen bzw. alle "Notwendigkeiten" mit möglichst geringem Aufwand erledigt werden sollten, weil einen die sonstige geistige und handlungsmäßige Freiheit bzw. der (kreative) Umgang damit - zum eigenen Wohle und dem Wohle aller - schon genug in Anspruch nimmt.
Außerdem darf ich Sie einladen, meinen (emotionalen) Text "Wirtschaftkritik pro persönlicher (speziell geistiger) Distanzierung" zu lesen (negativer Eindruck eines Studenten vom Wirtschaftssystem): siehe http://www.diedenker.org/data/kapitalismus/kapitalismus-meinungen-ob.html#wi rtschaftskritikokt02
Die Denker haben übrigens auch eine Seite zum Thema (Aus)Bildung gestaltet: siehe http://www.diedenker.org/data/bildung1.html (Alle Themen zu finden unter http://www.diedenker.org/gesammeltes)
(Etwaige "Durcheinanderheiten" im Text resultieren aus dem sukzessiven Anfügen von neuen Ideen)
Über eine kurze Stellungnahme oder zumindest Empfangsbestätigung würde ich mich freuen!
Bitte entschuldigen Sie mein anonymes Auftreten, aber ich möchte (in meiner realen Erscheinung) nicht (nur) mit unserem Internetprojekt assoziiert werden!
PS: Leider habe ich keine Emailadresse des Herren von der Wirtschaftskammer zur Verfügung. Falls Sie eine haben und Sie meine Überlegungen nicht völlig absurd und unangebracht finden, wäre es nett, wenn Sie mein Mail weiterleiten würden. Danke!
Antwort des Professors:
Schade, daß Sie nicht haben mitdiskutieren können. Übrigens: gerade die Amerikaner sind nach allen unseren Erfahrungen am wenisgsten international orientiert und mobil (allenfalls innerhalb der USA). Gruß KS
Meine (abschließende) Antwort darauf:
Ich weiß zwar nicht, ob Sie das "Schade, daß Sie nicht haben mitdiskutieren können" ernst oder ironisch gemeint haben, nichtsdestotrotz habe ich mich über Ihre Antwort gefreut. Wenn auch kurz, so freut es mich, überhaupt eine Antwort erhalten zu haben, und meinen Text haben Sie scheinbar auch nicht übergangen: danke für die Erkenntnis mit den US-Amerikanern. Ist mir neu, dass sie nicht mobil und international sind - obwohl ich (spätestens seit 9/11) weiß, dass sie recht nationalistisch eingestellt sind und eigentlich hab ich auch an die Mobilität innerhalb der USA gedacht (die Fläche ist ja auch schon groß genug, um nicht überall von "Heimat" sprechen zu können), die man so aus den Filmen kennt... Schöne Grüße
