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Vollständige Version anzeigen : Paul Auster - The Book of Illusions


Thomas
28.09.2008, 09:38
Hallo,

wieder mal eine Buchempfehlung von mir: Paul Austers "Book of Illusions" (deutscher Titel "Das Buch der Illusionen"). Das hat mich diese Woche begeistern können. Paul Auster ist als Autor der New York-Trilogie bekannt und irgendwo in dem Regal Murakami/Kafka einzuordnen. Er lässt gewöhnliche Menschen außergewöhnliche Dinge/Begegnungen in gewöhnlichen Szenarien erleben - das ist mal so das Gros aus seinen Büchern, die ich bisher gelesen habe. So auch in "The Book of Illusions".

Zum Inhalt: Die Geschichte spielt in den USA der 80er Jahre. Der Universitätsprofessor David Zimmer verliert bei einem tragischen Flugzeugabsturz seine Familie - Frau und zwei Söhne. Völlig fertig mit dem Leben, wenngleich aufgrund der Lebensversicherungen finanziell abgesichert, verliert er sich in Depressionen. Eines Tages sieht er einen alten Stummfilm des Komödianten Hector Mann, der 1929 überraschend verschwand und nie wieder gesehen wurde. Dieser alte Film bringt David zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zum Lachen, was für ihn Anreiz ist, ein Buch über die Arbeit von Hector Mann zu schreiben, da der ein in der Filmgeschichte relativ unbeschriebenes Blatt ist. Seine Filme sind in verschiedenen Filmuseen und Archiven auf der ganzen Welt verstreut und noch nie hat sich jemand die Arbeit angetan, alle Werke in diesen Archiven zusammen zu suchen. David ist also der erste, der ein umfassendes Buch über Hector Mann schreibt. Und wenig später nach Erscheinen des Buches flattert ein ungewöhnlicher Brief ins Haus: Von einer gewissen Frieda Spelling, die behauptet, die Frau von Hector Mann zu sein, der am Leben ist, in einer kleinen Stadt in New Mexico wohnt und ihn, David, gerne kennenlernen würde. David schenkt dem Brief keinen Glauben. Doch kurz darauf steht eine Frau vor seiner Tür, die sich als Tochter des langjährigen Kameramannes von Hector Mann zu erkennen gibt und die ihn (auch mit einer geladenen Pistole in der Hand) dazu drängt, mit ihr nach New Mexico zu fliegen, da nicht mehr viel Zeit bliebe - Hector Mann läge im Sterben und würde David gerne seine neuen Filme zeigen. David kommt nun doch mit ihr mit und erfährt die ungewöhnliche Lebensgeschichte eines Mannes, von dem die Welt seit fast 60 Jahren glaubt, er sei tot. Doch führt ihn diese Reise nicht nur in das Leben eines Toten (bezeichnend ist, das sei am Rande erwähnt, dass David zur Zeit, als die Geschichte ins Rollen kommt, an einer Übersetzung von Chateaubriands Memoiren "Mémoires d'outre-tombe" (etwa "Erinnerungen aus dem Grab" bzw. "Erinnerungen eines Toten", wie es David übersetzt) arbeitet), sondern die Reise ist viel mehr für David: Eine Reise ins Leben zurück, das aber auch von Illusionen getragen wird. Viel bleibt in der Geschichte Illusionen, viel bleibt enttäuschter Wunsch.

Was Paul Austers Buch so besonders macht, ist die Verknüpfung der Lebensgeschichten: Eine davon, nämlich die von Hector Mann, bekommen wir nur aus zweiter Hand präsentiert, wirkt dennoch sehr lebendig und vieles aus dem Leben von Hector Mann (ein fiktionaler Charakter übrigens) ist unglaublich herzerwärmend, da dieser Charakter von einer glaubhaften Reinheit getragen ist, die schon fast einer Idealvorstellung von Menschlichkeit gleichkommt. Die andere Lebensgeschichte, nämlich die von David Zimmer selbst, hat ihre Ecken und Kanten, sie ist vielfach unschön und eine Achterbahn der Gefühle wie das Leben nun mal so ist. Interessant ist, dass beide Lebensgeschichten vielfach von Verlangen, Wunsch und Illusion bestimmt sind. So zieht sich auch das Medium Film (die Träumefabrik Hollywood) als roter Faden durch das Buch. Am Ende steht die Erkenntnis, dass vieles, was wir vom Leben anderer zu wissen scheinen, bloß Illusion ist, doch vieles, was Illusion ist, lebensentscheidend für uns selbst ist. Wenn wir sterben, hinterlassen wir unsere Biographie, doch manchmal besteht diese Biographie mehr aus der Summe unserer Wünsche, Ängste, Sorgen und Verlangen, die in der Nachwelt verblassen.

Paul Austers Sprache ist sehr klar, der Spannungsbogen deutlich gegeben (ich konnte das Buch kaum zur Seite legen), selbst wenn er beispielsweise "nur" über die Filme von Hector Mann schreibt (die er sehr detailliert und mit einem Auge für die Filmkunst beschreiben kann). Die Charaktere sind glaubhaft in ihren Aktionen und David Zimmer ist, trotz des Selbstmitleides, das er oft an den Tag legt und trotz seiner immer wieder verqueren Gedanken und Aktionen, ein absoluter Sympathieträger. Der Star des Buches ist jedoch Hector Mann, dessen Lebensgeschichte den Leser fesselt und so sehr mitnimmt, dass man vergessen könnte, das dieser Hector Mann nie gelebt hat. Ich jedenfalls hatte nach dem Lesen des Buches das Verlangen, in eine Bibliothek zu laufen, um zu sehen, ob nicht doch irgendwo eine Biographie von Hector Mann aufliegen würde.

Eine uneingeschränkte Empfehlung - eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Viele Grüße

Thomas











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